Montag, 16. April 2018

Schwabenstreich in Nehren - oder: Wie Nehren eine Spielstraße bekam

----- Prolog -----

Ein Schwabenstreich ist eine dumme Handlung. So wurde dem Gemeinderat des kleinen Ortes Nehren im Steinlachtal im Frühjahr 2018 vorgeworfen, einen solchen verursacht zu haben, als man auf Anraten der Verkehrsbehörde beschloss, ein kleines Stück Straße zu einem Platz umzuwidmen. Mit 10:5 Stimmen - fraktionsübergreifend. Das zog den Zorn der Bevölkerung nach sich. Man hatte sie ihrer Freiheit beraubt, dort zu fahren. Dieser Schwabenstreich würde sich rächen - man würde den Straßenabschnitt nicht kampflos dem Nicht-Fahren überlassen, oh nein - einen Schwabenstreich habe der Gemeinderat produziert und sich lächerlich gemacht.

Obwohl es keine Argumente gab, holten die schwäbischen Wut-Bürger bei einer Bürgerbefragung mit 70:30 Prozent raus, was sie wollten: keinen Platz!

Ein Schwabenstreich ist aber vor allem eines: eine klug durchdachte, mutige und intellektuell absolut ausgreifte Aktion und Heldentat. In der Regel folgt dem hämischen Spott der Gegner ein Erbleichen und Erstarren - wenn sie merken, dass ihnen eben diese Klugheit fehlte....

----- Der Ort -----

Ich lebe in einem Dorf.
Das ist jetzt keine Beleidigung – weder für mich noch für das Dorf, auch wenn ich eigentlich aus dem Nachbardorf stamme.

Das Dorf zählt zu den schönsten Deutschlands, über "uns" wurden Dokus gedreht, man hat hier mit Bürgerkraft die Gasthausgenossenschaft Schwanen gestemmt und wir liegen an der Fachwerkstraße, weil wir einfach echt schöne, alte Häuser und noch dazu Geschichte haben. Hier ist der Philosoph Hans Vaihinger geboren worden und auch die Wiege des späteren Bierbrauers Ernst-Immanuel Wulle stand in diesem Dorf. Es heißt Nehren, liegt am Fuße der Schwäbischen Alb und entwickelt sich derzeit zu einem Tourismusmagneten.

Und im Großen und Ganzen sind auch die Ur-Einwohner ganz in Ordnung. Wäre da nicht dieser Starrsinn, nichts ändern zu wollen. Und dieser Hass, der sich unterhalb der gutbürgerlichen Spitzendecke in Niedertracht und schwäbischem Kleingeist durch die Gassen zieht. Denn es war ja klar, dass schon die Mutter des heutigen Gemeinderates, als sie selbst noch Rätin war, seinerzeit zu Onkel Karls Zeiten, falsch entschieden hat, als es drum ging, ob der Fußballplatz links oder rechts des Baches liegen soll. Und dann hat auch noch die Neubürgerin den Mann geheiratet, den die Tochter - Ur-Nehrenerin!- gewollt hätte. Und ZUDEM wohnt ein linker Gemeinderat in Onkel Ottos Haus. HAT DER EINFACH GEKAUFT! Sowas lässt man nicht durchgehen - das braucht, wohl schon seit je her, ein Ventil, wenn es genug ist. Dann muss der Druck raus - und man scheut sich nicht, um sich zu hauen und zu stechen.

Deswegen steht auf dem Dorfbrunnen auch das Motto der liebenswert-gehässigen Einwohnerschaft: "Naihremer Nodla, dia stechet so fei - dia stechet anander ens Hemmedle nei!" (Auf Hochdeutsch: man piesackt sich hier gerne feinstichelig und auch mal ohne Rücksicht auf Verluste - Kollateralschaden ist der zweite Dorfname!)

----- Dramatis Personae -----

Wie gesagt – eigentlich sind sie ganz in Ordnung, die Alteingesessenen. Man könnte sogar mit ihnen reden und sie wären, wie sich im Folgenden zeigt, vernünftigen Lösungen gegenüber nichtmal abgeneigt. Wäre da nicht das PRINZIP; dass man sich nichts gefallen lässt, als kleiner Bürger schon GAR NICHT, und erst RECHT nicht "bevormunden"! Sowieso gar nicht von einem Gemeinderat, den man selbst gewählt hat, und - wir erinnern uns - dessen Vorgänger schon zehnmal falsch entschieden hatten. Deshalb ist man hier seit Jahren automatisch gegen alles, was vom Rat kommt, erst recht, wenn es ein bißchen links oder grün oder anders riecht, als das, was man kennt. AUS BRINZIBB! Ond weil m'r a Nodel isch - reachde Naihremer lend sich noons ed g'falla!

Aber ein bißchen handtätschelnd harmoniesüchtig ist man dann doch auch - Frieden will man am Ende schon in "seinem" Dorf. Wer weiß, nicht, dass die nächste Nadel im eigenen Hintern landet...... das mit der Harmoniesucht ist gut so. Denn damit kann man arbeiten!

Hass und Niedertracht also, in allen Ausprägungen die sich in Nehren zwischen dem Dezember 2017 und dem April 2018 zeigten, sind schwer kalkulierbar. Denn es ging darum, dass der Gemeinderat einen verkehrsberuhigten Bereich im Dorf wünschte. IM DORF - nicht etwa außerhalb, wo sowieso keiner fährt und es einem egal wäre - nein IM DORF! Und noch schlimmer - man wollte 30 Meter einer Straße KOMPLETT sperren. Also richtig - ohne Durchfahrt. Und mit einem Umweg für 18 Autos von 250 Fahrmetern (laufen, also den direkten Weg, das geht nicht in Nehren - muss man verstehen!). Also würde man gelaufen sein, hätte man ja nicht mal einen Umweg und deswegen auch keinen Grund zur Aufregung gehabt.

Und so spaltete sich im Fühjahr das Dorf in die folgenden Personengruppen:

In Dafürworter - die die Entscheidung des Gemeinderates akzeptierten oder sogar öffentlich gut hießen.

Und in DaGegna - die eben dies nicht taten und die Entscheidung ihrer Mandatsträger öffentlich bloßstellten. Denn: never mess with a Naihremer Nodel!

----- Historie -----

Eigentlich wäre es wohl egal gewesen - der Nehrener Gemeinderat hätte auch beschließen können, Kugelakazien beidseitig einer Straße zu pflanzen oder Energiesparlampen auf den öffentlichen Wegen zu verwenden. Es hätte einen Aufschrei gegeben - denn: siehe oben: AUS BRINZIBB! Des hot m'r no nie ghet! Da ist der Nehrener treu, denn, so führt Carlos Walz Mitte des 19. Jahrhunderts zum Misstrauen der damaligen Bauern in Nehren aus: „Der genügsame, oft grüblerische Menschenschlag hat eine starke Abneigung gegen Neuerungen. Weniger die Liebe zum Althergebrachten als vielmehr die Angst, etwas zu verlieren, gipfelt in dem eigensinnigen Spruch: "Do hot mei Vadder g´migget, ond do migge i au, ond wenn´s de Buckel nuff ghot.“ Für Nicht-Schwaben: „Da hat mein Vater gebremst, da bremse ich auch, und wenn es den Berg hinauf geht“.

Man ärgerte sich also sehr über die Neuerung, die der Gemeinderat und der Schultes da beschlossen hatten.

Und wenn der Nehrener Bürger verärgert ist, dann wird es böse. Denn wie gesagt: Hass und Niedertracht sind schwer zu bändigen!

----- Dramatische Zuspitzung -----

Da gab es eingeworfene Schaukästen, kotbeschmierte Häuser, zerstochene Reifen, stillos gefälschte Leserbriefe und Drohungen selbst gegen Kinder und anonyme Briefe. Auch das Wohl der Kinder wurde instrumentalisiert und manche Leute sind sogar aus ihrem Kleintierzuchtverein ausgetreten - sagt man!
Welche Abgründe noch kommen, ist also offen.

----- Die (für einige) unerwartete Wendung -----

Anders aber ist es mit dem reflexhaften Dagegenschießen in Kombination mit der Spitzendeckenharmonie durchaus. Und so kam es am 15. April 2018, dass der Gemeinde und den Dafürwortern einer verkehrsberuhigten Zone etwas gelungen ist, was noch vor 30 Jahren niemand für möglich gehalten hätte: sie haben bekommen, was sie wollten - indem sie forderten, was vermessen war! Ehrlich gesagt: das klingt ein bißchen nach Strategie - war aber bestimmt nur Zufall!

----- Das Schauspiel: WIR sind das Volk! -----

Das Etablieren einer verkehrsberuhigten Zone mitten in einem Dorf voller Raser, Autofahrer und Blechkutschenfetischisten, in der sich 30 Jahre alle gegen eine Eingrenzung ihrer persönlichen Freiheit wehrten, schien unmöglich. Vor allem, wenn sie von dem Gemeinderat gewollt ist. Da MUSS man ja dagegen sein.

Was also tun? Beantragt man eine Spielstraße, ist ganz klar, dass sich mindestens alle Autofahrer aufschwingen würden.

Tut man gar nichts, bleibt im Dorf alles, wie es ist - das Tempo ist auf 30 reduziert, alle fahren 50 bis 70 und so richtig im Ort aufhalten will sich keiner. Schlecht.

Also muss man fordern, was wirklich verrückt ist - die erste Fußgängerzone des Tals, auf 30 Metern - und das ohne Geschäft. Klingt ein bißchen verrückt - fanden die DaGegna auch, und plötzlich waren sie alle Demokraten und mussten bei einem Bürgerentscheid dem gemeinderat zeigen, wo der Hammer hängt. Also wenigstens den Linken! Den Bürgerlichen und Christdemokraten, die sich ebenfalls für die Variante "Platz vor Straße" ausgesprochen hatten, muss man entweder Willenlosigkeit oder andere Gründe mentaler Absenzen nachgesehen haben - denn die wurden zumindest nicht öffentlich angegriffen. Sei's drum - der Rat beschloss also: Autos weg von dieser Straße und der Mob tobte. Unter der Gürtellinie, jenseits aller Argumente und letztlich oftmals stillos. Aber: die Harmoniesucht. Diese Harmoniesucht zusammen mit dem krankhaften "DaGegen" treibt zuverlässig Blüten und ist wie gesagt außerordentlich kalkulierbar, denn schon bald schwangen sich im Hintergrund des Mobs die Friedensengel - alte Gemeinderäte, seit 23 Jahren ruhende Ex-Bürgermeister und pensionierte Verwaltungsfachangestellte - auf. Alles akzeptierte Koryphäen der Autolobby und der chronischen Nehrener Neuzeitverweigerer, die unterstützt durch einen unabhängigen Verkehrsplaner zu dem Schluss kamen: Der Gemeinderat hat Mist gebaut - einen PLATZ braucht doch keiner. Aber so ein bißchen weniger Verkehr, also - da wäre doch das Friedensangebot, damit alle glücklich werden und niemand mehr die Geranien des Nachbarn vergiften muss: eine SPIELSTRAßE. Das wäre doch ein Kompromiss. Ein TOLLER Kompromiss - der natürlich deswegen toll ist, weil er NICHT vom Gemeinderat kommt (dessen Vorgenerationen ja schon nur Blödsinn gemacht hatten!). Also schrien die DaGegna: WIR sind das VOLK - und WIR WOLLEN EINE SPIELSTRAßE. KEINEN PLATZ!

----- Abgesang -----

Nun, wie das Gemeinderäten - auch den linken! - so ist: der Klügere gibt nach (und lässt die echte Arbeit die anderen machen).

Und so klärt sich dann auch, wieso die Dafürworter des Platzes schon die ganze Zeit davon sprachen, dass das Aufbegehren gegen die anvisierte Fußgängerzone ein echter Schwabenstreich werden sollte......... denn eins war klar: Die Dafürworter KONNTEN nur gewinnen.
DANKE NEHREN - DANKE, DaGegnAs - für eine richtig geile Spielstraße, die Ihr selber wolltet. Mit Tempo 4 - 7 km/h (stand heute in der Zeitung!) - Ich werde dort Fußballspielen lernen!

----- Epilog -----

Sollte an der Redensart etwas dran sein, dass entsprechende Motorgeräusche umgekehrt relational zur Potenz der Fahrer stehen, muss man sich hier keine Sorgen machen: das Problem des Starrsinns wird sich biologisch selbst lösen, Nehren wird aussterben!

Sonntag, 1. Oktober 2017

Was ist Identifikation mit der Nation?


Ich habe mal wieder nachgedacht. Und auch, wenn mein Mann sagt, es gibt Dinge, die ich besser kann, erlaube ich mir hier, meine Gedanken darzulegen.

Nach einer Woche Dublin denke ich über das Gefühl nach, das man dort hat und das sich unweigerlich in einer großen Freude und erbaulichen positiven Kraft auf die Besucher überträgt: Geborgenheit und Leichtigkeit und zugleich Stabilität. Innere Stabilität. Und woher kommt die?
Man kann es summieren: Heimatgefühl. Heimatgefühl aus den Schlagworten, die alle kennen: Leprachaun, fairies, unicorns, Paddy Bear, Easter Rising, Saints and Scholars, christianity as well as paganism, Vikings, Celts, Great Famine, emigration, St. Patrick, monastery, green hills, sheep….

Die Iren haben eine Geschichte durchzogen von freedom, rebellion, troubles aber eben auch von heritage, culture und tradition – sie waren die Verfolgten und sie sind stolz, es geschafft zu haben.

Das macht mich nachdenklich. Denn überall begegenen uns Stolz auf die eigene Herkunft und Geschichte – und Vorurteile.

Wir gehen nach Italien, um uns der europäischen Kultur des Römischen Reichs zu besinnen. Das macht die Italiener aus. Neben Wein und Pasta.

Wir gehen nach Griechenland, um uns der europäischen Kultur des Griechischen Imperiums zu besinnen. Das macht die Griechen aus. Neben Oliven und Sagen.

Wir gehen nach Frankreich, um uns der europäischen Befreiung von der Monarchie zu besinnen. Das macht die Franzosen mit Liberté, Egalité, Fraternité aus. Neben Wein und Baguette.

Wir gehen nach Spanien, um uns der Eroberungszüge Europas in die Welt zu besinnen und eine Wiege des Christentums zu betrachten. Kritisch, aber nicht depressiv. Das macht Spanien aus. Neben Sangria, Sonne und Flamenco.

Und so geht es weiter. Österreich und Ungarn haben ihre Monarchie, die Finnen Saunas und Elfen, selbst die Schweden haben neben IKEA Elche und Astrid Lindgren, und sogar die Schweizer, obwohl Nicht-EU, ihre Freiheitskämpfer und den Stolz auf die Neutralität und Selbstverwaltung.

Tja, und da stehe ich jetzt – und sobald ich an Germanische Sagen denke, gruselt es mich. Dabei heißen wir Germans. Sobald ich an Deutsche Dichter und Denker denke, fällt mir der Missbrauch derselben im Dritten Reich ein – und die Kehrseite: die verbrannten Dichter, entartete Kunst. Besuchen wir Gedenkstätten in Deutschland mit der Schule, fahren wir nach  Dachau oder Nürnberg. Lesen wir Sagen, ist es wichtig, gleich Märchen hinterher zu schieben. Alles wieder nicht so schlimm zu machen.

Die AfD hat es leider nicht besser gemacht, die Traumata des Dritten Reiches in Europa zu überwinden. Denn die Argumente sind falsch. Wir brauchen keine Abwehr von „Fremden“ – wir bräuchten ein aktives Besinnen auf das positive Denken in Bezug auf das, was uns prägte. Mehr Gelassenheit in Bezug auf alles, was missbraucht wurde – und ein Ende dieses Missbrauchs durch Leute, die unser Kulturgut auch weiterhin instrumentalisieren.

 
Und je länger ich nachdenke, umso schwieriger wird es.
Ich wünschte, ich könnte in einem Land voll Kobolde, Gelassenheit und Freundlichkeit leben. Ein Land, in dem es egal ist, wie Du aussiehst. In dem wichtig ist, wer du bist.
Wir sollten zu den Märchen zurückkehren – und von vorne anfangen.

Samstag, 30. September 2017

Tag der Deutschen Einheit - oder: übrig bleibt ein langes Wochenende

Einkaufen im Discounter am 30.09.2017 in Süddeutschland, am Samstag eines verlängerten Wochenendes.
Zwei Frauen unterhalten sich: "Lauter Zeug aus den östlichen Bundesländern - nee, des kaufmer ed...!" - "Warum ham die denn das? Ach, Tag der Deutschen Einheit, ne?" - "Achja, klar. Ähm. Wann ist denn der?!"

So viel zum Thema "Wissen um die eigene Kultur und Nation" - Vielleicht sollte man das mit dem Reformations-Feiertag am 31.10. nochmal überdenken....

Mittwoch, 24. Mai 2017

Schülermediatorenausbildung - oder: Wenn die Aufklärung Früchte trägt! Ein interkultureller Dialog rund um den Islam



Kerim, Vater Tunesier, Mutter Türkin.
Ich: "Sag mal, warum sprichst Du eigentlich kein Türkisch?"
Kerim: "Mag ich jetzt nicht so..."
Ich: "Und Arabisch? Ist doch auch ne Art Weltsprache?!"
Kerim: "Mag ich auch nicht so!"
Ich okay-. schade... also sprichst Du eigentlich außer den Schulsprachen keine weitere?
Kerim: "NE! Und jetzt hab ich mal ne Frage: wollen Sie jetzt meine Muttersprache schlecht reden? Die is nämlich Deutsch!" 🤔

Nächstes Gespräch beim Abendessen (man verbringt ja viel Zeit miteinander dort...):
Kerim: "Hm, ist nett, dass Sie für mich kein Schweinefleisch bestellt haben....!"
Ich: "Klingt jetzt eher so wie: Ich hätte eigentlich lieber Schwein gegessen...!"
Kerim: "Is auch so. Ich nehm das nicht so streng. Eigentlich ist mir der Islam egal. Ist nur eine Art Update von Christentum und Judentum und in 500 Jahren hat wieder jemand ne andere Idee!" 😇

Ich: "Ooookay - sorry... kommt nicht wieder vor. Was sagen denn Deine Eltern so zu Deiner Haltung?"
Kerim: "Naja, die fragen mich halt immer, ob ich nicht mal anfangen will zu beten und so, und warum auch, warum ich das nicht mache."
Ich: "Ja, und WARUM NICHT?!"
Kerim: "Frau K. Mann, also echt - SIE als Ethiklehrerin müssten das doch wissen, dass das ganze Zeug mit Gott und Allah ausgedacht ist. Wer glaubt denn schon sowas, dass Leute über Wasser gehen - und was soll Allah davon haben, wenn ich faste? So ein Quatsch, echt!"
Ich: "Oha, und was sagst Du Deinen Eltern dann, wieso Du nicht betest?"

Kerim: "Weil ich nicht glaube! Total einfach! Verstehen die zwar nicht, macht mir aber nichts!"

Kerims Freund ist übrigens Pfarreinnensohn - nicht so ganz einfach manchmal mit den beiden....




Samstag, 22. Oktober 2016

Aufwachen, Ihr Weltveränderer!

An jeder Ecke tauchen sie auf, die "Alles-In-Frage-Steller", "Dagegen-Argumentierer", "Verschwörungsaufdecker" oder "Menschen-Diskriminierer". Als gäbe es im Laufe eines Tages nichts Sinnvolles zu tun.
Quitten kochen, Hähne schlachten, Kastanienmenschen basteln - (schon mal festgestellt, dass es keine Kastanienmenschen in heller Hautfarbe gibt? Werden wir überrannt? Ist das eine syrischeTaktik, um "unsere Frauen" auf dunkelhäutige Kinder einzustellen?!).

Ich verrat' Euch was: die Welt wird sich auch in zehn Postings nicht geändert haben. Scheiße? Ist aber so!

Mann, Leute, geht doch mal von dem Rechner oder Smartphone weg und TUT was, statt Hiobsbotschaften, Pseudobegründungen oder alles mögliche andere zu googeln.

P.S.: Wenn ihr keine Quitten, Hähne und Kastanien habt: wann habt Ihr das letzte mal die Küche geputzt? Auch IN den Schubladen?!

Freitag, 17. Juni 2016

Wer Lehrer ist, wird unsterblich - Gedanken an Ulrich Fink


Wer Lehrer ist, wird unsterblich. 
Entweder, weil er es schafft, etwas Wertvolles weiterzugeben, was erhalten wird und Fuß in der Gesellschaft fasst, oder weil er Furcht verbreitet, die sich in den Herzen festsetzt.

Unser Ziel aber kann, muss und sollte es sein, die Welt zum Guten zu verändern. 
Das ist nicht schwer und doch die schwierigste aller Aufgaben.


Unsere Werkzeuge können sein:
Aufrichtigkeit
Keine Angst vor eigener Fehlerhaftigkeit
Empathie
Unmittelbarkeit
Der Wille, Unbill zu vermeiden
Selbstzweifel
Liebe zum Menschen
Bereitschaft zum täglichen Neubeginn
Respekt
Zeit
Mut
Zugeständnis der Individualität
Eingeständnis, dass Entwicklung ein Prozess ist
Demut vor dem Moment
Demut vor der Vergangenheit
Demut vor dem uns anvertrauten Lebensweg -
Unserem eigenen und dem der Kinder.


Lieber Ulrich Fink,
wir haben Dich heute verabschiedet. Viele Gedanken haben uns alle eingeholt - wir sahen 90 Jahre Leben in einem kurzen Augenblick an uns vorüberziehen. Wie ein Kaleidoskop stürzten Gedanken und Bilder über uns, wir hörten Dich und Deine geliebte Ruth sprechen, Eure Stimme, Euer Rat,....

Und uns Urspringschülern war bewusst, was wir für ein Glück hatten.
Wir haben mit Dir gelernt, dass es lohnt, für seine Überzeugung aufzustehen. Wir haben gelernt, dass Schuld und Scham Menschen beugen - und dass es dennoch so unendlich wichtig ist, weiter zu gehen.

Wir haben gelernt, dass Selbstzweifel und vermeintliche Schwäche stärker machen als alles andere und dass das Schweigen die schlimmste Versuchung und die schlimmste Waffe ist.
Wir haben gelernt, dass Ehrlichkeit zu sich, Ehrlichkeit gegenüber anderen - und eine bedingungslose Liebe und der Glaube an den Menschen, dass das, was als die Lehre des Humanismus gilt, keine Theorie ist - sondern Leben.
Dass man diese Liebe leben kann, selbst wenn man die Hölle kennt. Dass dem einen der Glaube hilft, dem anderen die Philosophie. Dass es Hoffnung gibt, weil man nicht einfach aufgibt, sondern nach ihr sucht.

All dies haben wir mit Dir als unserem Lehrer gelernt. In den wenigsten Momenten aus Büchern - in den meisten Momenten aus Dir.

Ein solcher Mann, der selbst die schlimmste Zeit Deutschlands erlebt hatte, von dem wir lernen durften, als andere sich in ihr Schweigen verkrochen. Du hast von uns gefordert, zu verhindern, dass "so etwas" wieder geschieht. Du fordertest von uns ALLEN, anständige Menschen zu sein und zu werden - und zu bleiben!
Wir hörten Dich und geben unser Bestes. Nicht aus Gehorsam, sondern aus Ergebenheit.

Ich sagte es bereits einmal: ich verneige mich.

Wir alle tun dies - vor Deinem Lebenswerk. 
Und wenn Du jetzt wieder sagen würdest: "Aber was soll das denn nun sein? Ich habe doch gar nichts getan!?" (Und Du meintest das GENAU so, ganz ohne Koketterie), dann möchte ich Dir - so wie vergangenen Herbst auch - ein letztes Mal antworten: 

Doch, Du hast gelebt. Und jetzt bist Du unsterblich.

Dienstag, 22. März 2016

Nachtgedanken – für meine syrischen Nachbarn (nach Heinrich Heine)


Nachtgedanken – für meine syrischen Nachbarn                                       
(nach Heinrich Heine)



Denkt sie an Syrien in der Nacht,
Dann ist sie um den Schlaf gebracht,
Sie kann nicht mehr die Augen schließen,
Und ihre heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!

Seit sie die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst ihr Sehnen und Verlangen.

Ihr Sehnen und Verlangen wächst.

Zur Heimat geht es denn, zuletzt,

Sie denkt doch immer an die alte,
Die alte Frau, Allah – er halte!

Die alte Frau hat sie so lieb,

Und in den Briefen, die sie schrieb,

Sah’ sie wie ihre Hand gezittert,

Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter lag ihr stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,

Seit sie sie nicht an’s Herz geschlossen.


Syrien  - hab ewigen Bestand,
Du warst ein kerngesundes Land,
Mit deinen Datteln, Tamarinden,
Sie wird es nimmer wiederfinden.

Nach Syrien lechzt’ sie nicht so sehr,

Wenn nicht die Heimat dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch Familie - die kann sterben.



„Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,

Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,

Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
hier heit’res deutsches Tageslicht;
Ich lebe hier – ein neuer Morgen“

Doch ewig bleiben ihr die Sorgen.