Sonntag, 1. Oktober 2017

Was ist Identifikation mit der Nation?


Ich habe mal wieder nachgedacht. Und auch, wenn mein Mann sagt, es gibt Dinge, die ich besser kann, erlaube ich mir hier, meine Gedanken darzulegen.

Nach einer Woche Dublin denke ich über das Gefühl nach, das man dort hat und das sich unweigerlich in einer großen Freude und erbaulichen positiven Kraft auf die Besucher überträgt: Geborgenheit und Leichtigkeit und zugleich Stabilität. Innere Stabilität. Und woher kommt die?
Man kann es summieren: Heimatgefühl. Heimatgefühl aus den Schlagworten, die alle kennen: Leprachaun, fairies, unicorns, Paddy Bear, Easter Rising, Saints and Scholars, christianity as well as paganism, Vikings, Celts, Great Famine, emigration, St. Patrick, monastery, green hills, sheep….

Die Iren haben eine Geschichte durchzogen von freedom, rebellion, troubles aber eben auch von heritage, culture und tradition – sie waren die Verfolgten und sie sind stolz, es geschafft zu haben.

Das macht mich nachdenklich. Denn überall begegenen uns Stolz auf die eigene Herkunft und Geschichte – und Vorurteile.

Wir gehen nach Italien, um uns der europäischen Kultur des Römischen Reichs zu besinnen. Das macht die Italiener aus. Neben Wein und Pasta.

Wir gehen nach Griechenland, um uns der europäischen Kultur des Griechischen Imperiums zu besinnen. Das macht die Griechen aus. Neben Oliven und Sagen.

Wir gehen nach Frankreich, um uns der europäischen Befreiung von der Monarchie zu besinnen. Das macht die Franzosen mit Liberté, Egalité, Fraternité aus. Neben Wein und Baguette.

Wir gehen nach Spanien, um uns der Eroberungszüge Europas in die Welt zu besinnen und eine Wiege des Christentums zu betrachten. Kritisch, aber nicht depressiv. Das macht Spanien aus. Neben Sangria, Sonne und Flamenco.

Und so geht es weiter. Österreich und Ungarn haben ihre Monarchie, die Finnen Saunas und Elfen, selbst die Schweden haben neben IKEA Elche und Astrid Lindgren, und sogar die Schweizer, obwohl Nicht-EU, ihre Freiheitskämpfer und den Stolz auf die Neutralität und Selbstverwaltung.

Tja, und da stehe ich jetzt – und sobald ich an Germanische Sagen denke, gruselt es mich. Dabei heißen wir Germans. Sobald ich an Deutsche Dichter und Denker denke, fällt mir der Missbrauch derselben im Dritten Reich ein – und die Kehrseite: die verbrannten Dichter, entartete Kunst. Besuchen wir Gedenkstätten in Deutschland mit der Schule, fahren wir nach  Dachau oder Nürnberg. Lesen wir Sagen, ist es wichtig, gleich Märchen hinterher zu schieben. Alles wieder nicht so schlimm zu machen.

Die AfD hat es leider nicht besser gemacht, die Traumata des Dritten Reiches in Europa zu überwinden. Denn die Argumente sind falsch. Wir brauchen keine Abwehr von „Fremden“ – wir bräuchten ein aktives Besinnen auf das positive Denken in Bezug auf das, was uns prägte. Mehr Gelassenheit in Bezug auf alles, was missbraucht wurde – und ein Ende dieses Missbrauchs durch Leute, die unser Kulturgut auch weiterhin instrumentalisieren.

 
Und je länger ich nachdenke, umso schwieriger wird es.
Ich wünschte, ich könnte in einem Land voll Kobolde, Gelassenheit und Freundlichkeit leben. Ein Land, in dem es egal ist, wie Du aussiehst. In dem wichtig ist, wer du bist.
Wir sollten zu den Märchen zurückkehren – und von vorne anfangen.

Samstag, 30. September 2017

Tag der Deutschen Einheit - oder: übrig bleibt ein langes Wochenende

Einkaufen im Discounter am 30.09.2017 in Süddeutschland, am Samstag eines verlängerten Wochenendes.
Zwei Frauen unterhalten sich: "Lauter Zeug aus den östlichen Bundesländern - nee, des kaufmer ed...!" - "Warum ham die denn das? Ach, Tag der Deutschen Einheit, ne?" - "Achja, klar. Ähm. Wann ist denn der?!"

So viel zum Thema "Wissen um die eigene Kultur und Nation" - Vielleicht sollte man das mit dem Reformations-Feiertag am 31.10. nochmal überdenken....

Mittwoch, 24. Mai 2017

Schülermediatorenausbildung - oder: Wenn die Aufklärung Früchte trägt! Ein interkultureller Dialog rund um den Islam



Kerim, Vater Tunesier, Mutter Türkin.
Ich: "Sag mal, warum sprichst Du eigentlich kein Türkisch?"
Kerim: "Mag ich jetzt nicht so..."
Ich: "Und Arabisch? Ist doch auch ne Art Weltsprache?!"
Kerim: "Mag ich auch nicht so!"
Ich okay-. schade... also sprichst Du eigentlich außer den Schulsprachen keine weitere?
Kerim: "NE! Und jetzt hab ich mal ne Frage: wollen Sie jetzt meine Muttersprache schlecht reden? Die is nämlich Deutsch!" 🤔

Nächstes Gespräch beim Abendessen (man verbringt ja viel Zeit miteinander dort...):
Kerim: "Hm, ist nett, dass Sie für mich kein Schweinefleisch bestellt haben....!"
Ich: "Klingt jetzt eher so wie: Ich hätte eigentlich lieber Schwein gegessen...!"
Kerim: "Is auch so. Ich nehm das nicht so streng. Eigentlich ist mir der Islam egal. Ist nur eine Art Update von Christentum und Judentum und in 500 Jahren hat wieder jemand ne andere Idee!" 😇

Ich: "Ooookay - sorry... kommt nicht wieder vor. Was sagen denn Deine Eltern so zu Deiner Haltung?"
Kerim: "Naja, die fragen mich halt immer, ob ich nicht mal anfangen will zu beten und so, und warum auch, warum ich das nicht mache."
Ich: "Ja, und WARUM NICHT?!"
Kerim: "Frau K. Mann, also echt - SIE als Ethiklehrerin müssten das doch wissen, dass das ganze Zeug mit Gott und Allah ausgedacht ist. Wer glaubt denn schon sowas, dass Leute über Wasser gehen - und was soll Allah davon haben, wenn ich faste? So ein Quatsch, echt!"
Ich: "Oha, und was sagst Du Deinen Eltern dann, wieso Du nicht betest?"

Kerim: "Weil ich nicht glaube! Total einfach! Verstehen die zwar nicht, macht mir aber nichts!"

Kerims Freund ist übrigens Pfarreinnensohn - nicht so ganz einfach manchmal mit den beiden....




Samstag, 22. Oktober 2016

Aufwachen, Ihr Weltveränderer!

An jeder Ecke tauchen sie auf, die "Alles-In-Frage-Steller", "Dagegen-Argumentierer", "Verschwörungsaufdecker" oder "Menschen-Diskriminierer". Als gäbe es im Laufe eines Tages nichts Sinnvolles zu tun.
Quitten kochen, Hähne schlachten, Kastanienmenschen basteln - (schon mal festgestellt, dass es keine Kastanienmenschen in heller Hautfarbe gibt? Werden wir überrannt? Ist das eine syrischeTaktik, um "unsere Frauen" auf dunkelhäutige Kinder einzustellen?!).

Ich verrat' Euch was: die Welt wird sich auch in zehn Postings nicht geändert haben. Scheiße? Ist aber so!

Mann, Leute, geht doch mal von dem Rechner oder Smartphone weg und TUT was, statt Hiobsbotschaften, Pseudobegründungen oder alles mögliche andere zu googeln.

P.S.: Wenn ihr keine Quitten, Hähne und Kastanien habt: wann habt Ihr das letzte mal die Küche geputzt? Auch IN den Schubladen?!

Freitag, 17. Juni 2016

Wer Lehrer ist, wird unsterblich - Gedanken an Ulrich Fink


Wer Lehrer ist, wird unsterblich. 
Entweder, weil er es schafft, etwas Wertvolles weiterzugeben, was erhalten wird und Fuß in der Gesellschaft fasst, oder weil er Furcht verbreitet, die sich in den Herzen festsetzt.

Unser Ziel aber kann, muss und sollte es sein, die Welt zum Guten zu verändern. 
Das ist nicht schwer und doch die schwierigste aller Aufgaben.


Unsere Werkzeuge können sein:
Aufrichtigkeit
Keine Angst vor eigener Fehlerhaftigkeit
Empathie
Unmittelbarkeit
Der Wille, Unbill zu vermeiden
Selbstzweifel
Liebe zum Menschen
Bereitschaft zum täglichen Neubeginn
Respekt
Zeit
Mut
Zugeständnis der Individualität
Eingeständnis, dass Entwicklung ein Prozess ist
Demut vor dem Moment
Demut vor der Vergangenheit
Demut vor dem uns anvertrauten Lebensweg -
Unserem eigenen und dem der Kinder.


Lieber Ulrich Fink,
wir haben Dich heute verabschiedet. Viele Gedanken haben uns alle eingeholt - wir sahen 90 Jahre Leben in einem kurzen Augenblick an uns vorüberziehen. Wie ein Kaleidoskop stürzten Gedanken und Bilder über uns, wir hörten Dich und Deine geliebte Ruth sprechen, Eure Stimme, Euer Rat,....

Und uns Urspringschülern war bewusst, was wir für ein Glück hatten.
Wir haben mit Dir gelernt, dass es lohnt, für seine Überzeugung aufzustehen. Wir haben gelernt, dass Schuld und Scham Menschen beugen - und dass es dennoch so unendlich wichtig ist, weiter zu gehen.

Wir haben gelernt, dass Selbstzweifel und vermeintliche Schwäche stärker machen als alles andere und dass das Schweigen die schlimmste Versuchung und die schlimmste Waffe ist.
Wir haben gelernt, dass Ehrlichkeit zu sich, Ehrlichkeit gegenüber anderen - und eine bedingungslose Liebe und der Glaube an den Menschen, dass das, was als die Lehre des Humanismus gilt, keine Theorie ist - sondern Leben.
Dass man diese Liebe leben kann, selbst wenn man die Hölle kennt. Dass dem einen der Glaube hilft, dem anderen die Philosophie. Dass es Hoffnung gibt, weil man nicht einfach aufgibt, sondern nach ihr sucht.

All dies haben wir mit Dir als unserem Lehrer gelernt. In den wenigsten Momenten aus Büchern - in den meisten Momenten aus Dir.

Ein solcher Mann, der selbst die schlimmste Zeit Deutschlands erlebt hatte, von dem wir lernen durften, als andere sich in ihr Schweigen verkrochen. Du hast von uns gefordert, zu verhindern, dass "so etwas" wieder geschieht. Du fordertest von uns ALLEN, anständige Menschen zu sein und zu werden - und zu bleiben!
Wir hörten Dich und geben unser Bestes. Nicht aus Gehorsam, sondern aus Ergebenheit.

Ich sagte es bereits einmal: ich verneige mich.

Wir alle tun dies - vor Deinem Lebenswerk. 
Und wenn Du jetzt wieder sagen würdest: "Aber was soll das denn nun sein? Ich habe doch gar nichts getan!?" (Und Du meintest das GENAU so, ganz ohne Koketterie), dann möchte ich Dir - so wie vergangenen Herbst auch - ein letztes Mal antworten: 

Doch, Du hast gelebt. Und jetzt bist Du unsterblich.

Dienstag, 22. März 2016

Nachtgedanken – für meine syrischen Nachbarn (nach Heinrich Heine)


Nachtgedanken – für meine syrischen Nachbarn                                       
(nach Heinrich Heine)



Denkt sie an Syrien in der Nacht,
Dann ist sie um den Schlaf gebracht,
Sie kann nicht mehr die Augen schließen,
Und ihre heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!

Seit sie die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst ihr Sehnen und Verlangen.

Ihr Sehnen und Verlangen wächst.

Zur Heimat geht es denn, zuletzt,

Sie denkt doch immer an die alte,
Die alte Frau, Allah – er halte!

Die alte Frau hat sie so lieb,

Und in den Briefen, die sie schrieb,

Sah’ sie wie ihre Hand gezittert,

Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter lag ihr stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,

Seit sie sie nicht an’s Herz geschlossen.


Syrien  - hab ewigen Bestand,
Du warst ein kerngesundes Land,
Mit deinen Datteln, Tamarinden,
Sie wird es nimmer wiederfinden.

Nach Syrien lechzt’ sie nicht so sehr,

Wenn nicht die Heimat dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch Familie - die kann sterben.



„Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,

Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,

Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
hier heit’res deutsches Tageslicht;
Ich lebe hier – ein neuer Morgen“

Doch ewig bleiben ihr die Sorgen.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Bodenpolitik

Und ich gebe die Hoffnung nicht auf... ich habe eben beim Einkaufen mit einem gesprochen, der sagt:

"Ich bin kein Nazi, aber..." (ich glaube ihm, dass er das glaubt!)

Intellektuell werden wir uns nie begegnen, uns eint das gemeinsam Hobby der Hühnerzucht.

Ich: Lehrerin, Akademikerin, Mutter - Er: Arbeiter, Hauptschulabschluss, Vater.
Nicht, dass das eine schlechter wäre als das andere.

Er hat mir zugehört, mitten im Netto, zwischen Gurken und Papaya und unseren Kindern.
Ich habe ihm zugehört - er hat Angst, neulich wollten zwei Ausländer einbrechen bei ihm (dachte er eben).
Er hat mich beobachtet, wenn ich seine Argumente anhörte und ihm sagte:
"Okay, da hast Du eine andere Ansicht - ich sehe das so.... "- und erzählte von der syrischen Familie in der Nachbarschaft, die ich gestern besucht habe, weil ich ihnen Deutsch beibringen werde.

Ich habe ihm zugehört - er mir. Und wir haben uns beim Abschied auf die Schulter geklopft.
Ich sagte:
"Wir müssen über unsere Ansichten reden!" -
Er sagte: "Mit mir redet ja keiner mehr, weil alle sagen, dass ich ein Nazi bin..."

Seine Erkenntnis: nicht alle Asylanten sind Verbrecher, nicht alle Linken (ich!) doof... meine Erkenntnis: ohne Diskurs auch in unangenehmen Gesprächen passiert GAR nichts!